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Geschichten aus anderen Zeiten,
aus Jettes, Dolores' und anderen Leben


Ausgebüxt

Geschichten aus anderen Zeiten

Wie Jettes Vater zwei Kilo Spargel im Gulli verschwinden ließ

Berlin, irgendwann in den Jahren, als man als Westberliner mit Passierschein nur nach Ostberlin aber nicht in die SBZ, bzw. DDR durfte. Mal wieder war die Tortur durchgestanden mit der Antragstellerei, und obwohl es eigentlich immer klappte, wusste man trotzdem nie, ob diesesmal auch gut gehen würde. Man zuckte vor dem barschen Ton der Vopos zurück und, da war man sich sicher, wenn deren langer Arm es wollte, kam man trotz gültigem Passierschein nicht durch die Grenze. So wurde der Kopf eingezogen, tapfer stundenlang angestanden, geschwitz und gefroren, je nach dem. Hauptsache die lieben Schwestern und Brüder im Osten bekamen ihre bestellten Sachen. Diesmal war es ein Kotflügel für einen Opel Kapitän. Ehrlich gesagt, kann sich Jette nicht so genau erinnern, was mit dem Kotflügel passierte, ob er an der Grenzübergangsstelle zurückgelassen werden musste, weil der Einfuhrzoll so hoch bemessen war, dass man sich von dem Geld gleich drei Stück aus Goldfäden hätte klöppeln lassen können - oder ob er doch mitdurfte. Egal, auf dem Rückweg jedenfalls hatten sie zwei Kilo feinsten Spargel dabei. Den auszuführen gab es allerdings gar keine Möglichkeit. Da konnten die Grenzbeamten auf ganz klare, wenn auch den Reisenden völlig unbekannte Vorschriften verweisen. Die Verwandten weit hinter den Absperrungen und nicht mehr erreichbar, rundherum nur Ausreisende, die auch keinen Spargel mit sich führen durften und vor Jettes Vater die Grenzbeamten, denen schon das Wasser im Mund zusammenlief, angesichts der leckeren Beilage zum Sonntagsbraten. Aber nix da, genau das gönnte Jettes Vater diesen Schmarotzern mit Staatsauftrag nicht. Er entdeckte ganz in der Nähe einen Gulli und übergab zwei Kilo Spargel mit großer Gönnermine Stange für Stange den ortsansässigen Kanalratten, die so etwas auf ihrer Speisekarte hoffentlich zu schätzen wussten.
Das es keine Anzeige wegen Verunreinigung der Abwasseranlagen gab, lag einerseits an der Verblüffung des langen Arms der Staatsmacht und andererseits am nicht vorhandenen Bewusstsein. Zu der Zeit stopfte und goss man noch selbstverständlich alles, was man loswerden wollte in Gullis und Toiletten.

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