Menschen Tiere Depressionen

Verlorene Worte, ganze Sätze, schräge Formulierungen,
Wortspiele und alles was sonst auch mal dazu gesagt werden muss


Ausgedrückt

Betrifft: 15 Testimonials

Neulich hörte ich Lea Rosh (bekannte Publizistin, die in den letzten Jahren kaum einen Fettnapf ausgelassen hat) von fünfzehn Testimonials sprechen, die irgendwo (wahrscheinlich in einem Mahnmal) deponiert seien. Das interessierte mich ein wenig, weniger wegen der Sache ansich, sondern vor allem wegen der exotischen Vokabel und die Neugierde geht nun mal bekanntlich eigene Wege.
Bei meiner ersten schnellsten Assoziation musste ich an Geruchsproben denken und zwar einerseits an Teststreifchen in einer Parfümerie, aber auch an die Einweckgläser in den alten Stasi-Archiven.
Die Umgebung Lea Rosh und damit verbunden wahrscheinlich ein jüdisches Mahnmal ließ mich natürlich auch schnell auf den Gedanken kommen, dass es sich um ein sogenanntes Zeitzeugnis, eine Art Testament, eine Hinterlassenschaft (beziehungsweise gleich 15 Stück davon) handeln könnte.
Aber war das wirklich so? Was hieß Testimonial denn nun eigentlich? Bei der Erforschung des Ursprungssinns des Wortes scheiterte ich zunächst, denn wie gesagt, ich hatte das Wort gehört und nicht gelesen und so kam ich zunächst nicht auf die Idee, dass sich zwei i darin befinden. Ich suchte also nach Testemonial und kam nicht weit.
Trotzdem landete ich irgendwann beim Testimonium, dem Zeugnis. Na also!
Aber warum hatte Frau Rosh Testimonials gesagt? Das wird einen Grund haben bei so einer gebildeten Frau, die auf präzise Ausdrucksweisen schon aus beruflichen Gründen allerhöchsten Wert legt.
Und wenn die Schreibweise erst mal geklärt ist, ist es auch gar nicht mehr so schwer:
Im Deutschen wird dieses Wort nämlich in erster Linie in der Werbung benutzt und bezeichnet dort die fröhlichen, frei ausgedachten, also gelogenen Aussagen von angeblichen Kunden, die behaupten, dass ihnen dieses Produkt ihr ganzes Leben verändert hätte ("Seit ich Xyz nehme, brauche ich keine Diät mehr und meine Kinder sind gaaaanz lieb"). Dass dieses Wort im Englischen und Französischen auch nur ein simples Zeugnis sein und ernsthafteren Hintergrund haben kann und wenig mit Werbung zu tun hat, kann ja sein, aber wir befinden uns hier aber nun mal eben in Deutschland.
Wer alles über die Bedeutung von Testimonials in der Deutschen Sprache wissen will, liest am besten hier weiter.

Und nun, liebe Frau Rosh, selbst in der direkten Übersetzung aus dem Englischen würde es sich um ein Anerkennungsschreiben handeln und das ist ja wohl bestimmt etwas anderes, als das, was sie da vergraben haben.

Leider ist der aktuelle Kurs „Ausländisch für Deutsche“ schon völlig überbucht.

Vielleicht wirds beim nächsten Mal ja was,
Ihre Dolores

P.S. Auch der Langenscheidtverlag braucht ein bisschen Nachhilfe: Im Online-Fremdwörterbuch gibt es kein Testimonium (und natürlich kein Testimonial)!

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